12 März 2007

Sechste Stunde - 15. November 2006

In der nächsten Stunde nach den Herbstferien stellte ich den Mädchen meine Überlegungen zum Weihnachtsbasar vor. Das erste Thema wollte ich auch sogleich angehen.
Als großer Block sollte die „Lyrik“ behandelt werden und da Gedichte schnell abschreckend wirken, hatte ich eine lustige Power-Point-Präsentation vorbereitet. Die Basis dafür war eine Lyrikvorlesung an meiner Uni gewesen, bei der ich mich selbst herrlich amüsiert und eifrig mitgeschrieben habe.
Alles baute auf die Frage auf, was Lyrik überhaupt ist und dazu stellte ich den Mädels einige Beispiele dar.


- mein liebstes Glas
warf ich kaputt
- kein Wort von dir
- nur Rechnungen in der Post
- das Auto durch den TÜV gefallen
- mein Hund zerbrach
den langgehegten
Blumenstock

- kein Wort von dir
- kein Wort von dir
- kein Wort von dir

Heute ist wieder so ein
Tag
an dem nur die
Hoffnung beliebt.


Kristina Allert-Wybranietz


Das erste Gedicht fand nicht nur mein Professor furchtbar, sondern auch meine Mädels. Übertroffen konnte dies nur durch das folgende Gedicht werden:


Ein Reh
Springt munter
zwischen Bäumen umher
Das ist seine Welt
Sie ist ihm vertraut
und bietet ihm Schutz

Ein Kind springt fröhlich
auf den Straßen umher

Tatütata –
Tatütata –


Es sorgte für viel Gelächter und erstaunte Gesichter, ob so was wirklich Lyrik sei. Ein Beispiel für schlechte Metrik war das nächste Gedicht:


Poesie ist Leben,
Prosa ist der Tod,
Engelein umschweben
Unser täglich Brod.



Das nächste Beispiel wiederum verwirrte meine Mädels etwas:

                                                              
                                                                Hier liegt
                                                                der springende Punkt.



Als nächstes kramte ich ein englisches Gedicht hervor, was meine Mädchen furchtbar banal fanden:

This is Just to Say

I have eaten
the plums
that were in
the icebox
and which
you were probably
saving
for breakfast
Forgive me
they were delicious
so sweet
and so cold.


Nach dem nächsten „Gedicht“ dachten meine Mädels, es könnte nicht konfuser werden:



Und doch konnte es übertroffen werden durch folgendes:





Nach diesem Schock ließ ich sie mit diesem Gedicht zu Luft kommen:


                                                                 Dasschwarzegeheimnis
                                                                 ist hier                hier ist
                                                                 dasschwarzegeheimnis


Gelöst haben wir es nicht, sodass wir uns dem krönenden und bekannten Abschluss zuwanden:



Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs

Sonette find ich so was von beschissen,
so eng, rigide, irgendwie nicht gut;
es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen,
dass wer Sonette schreibt. Dass wer den Mut

hat,heute noch son‘n dumpfen Scheiß zu bauen;
Allein der Fakt, dass so ein Typ das tut,
kann mir in echt den ganzen Tag versauen.
Ich hab da eine Sperre. Und die Wut

Darüber, dass so‘n abgefuckter Kacker
Mich mittels seiner Wichsereien blockiert,
schafft in mir Agressionen auf den Macker.

Ich tick nicht, was das Arschloch motiviert.
Ich tick es echt nicht. Und will‘s echt nicht wissen:
Ich find Sonette unheimlich beschissen.


Nach diesem Schock ließ ich sie erst einmal diskutieren und leitete dann zu meinem Anliegen über. Zum Weihnachtsbasar wollte ich sie Elfchen, Haikus und Rengas schreiben lassen – natürlich alle mit dem Thema „Weihnachten“. Die Gedichte sammelten wir dann, um eine Collage zu machen. Die Reihenfolge wählte ich bewusst so aus, da die verschiedenen Formen immer schwieriger werden:


Elfchen

Lyrische Kurzform
Dauer: 30 Minuten

Beschreibung des Spiels
„Elfchen“ sind kurze Texte aus fünf Zeilen. Die Zeilen bestehen jeweils aus: einem Wort, zwei Wörtern, drei Wörtern, vier Wörtern und wieder einem Wort. Zusammen sind das elf Wörter des Elfchens.

Beispiel für ein Farb-Elfchen:
1. Zeile: ein Wort: eine Farbe violett
2. Zeile: zwei Wörter: etwas, das diese Farbe hat ein Schal
3. Zeile: drei Wörter: wo/wie es ist viereckig und durchscheinend
4. Zeile: vier Wörter: noch etwas mehr erzählen eine Frau verschleiert sich
5. Zeile: ein Wort: ein abschließendes Wort Rückzug

Farb-Elfchen sind nur ein Beispiel, diese Texte können inhaltlich von allem möglichen handeln. Weitere Möglichkeiten sind: Namen-Elfchen, Tier-Elfchen, Gefühl-Elfchen – mit entsprechenden veränderten Zeilenanweisung wie „1. Zeile: der Name eines/r Bekannten, 2. Zeile: wer ist das, 3. Zeile: Ort“ und so weiter und so fort.

Kommentar
Wie andere Schreibspiele mit stark eingegrenztem Sprachmittel (Haiku, Renga, Schneeball) zwingt auch das Elfchen durch seine kurze Form, sich mit wenigen Worten genau auszudrücken.


Haiku

Lyrische Kurzform
Dauer: 45 Minuten

Beschreibung des Spiels
Die Form eines Haikus, eines Dreizeilers mit
5 Silben in der 1. Zeile
7 Silben in der 2. Zeile
5 Silben in der 3. Zeile
liefert das Muster für Haiku-Neuschöpfungen. Diese sollten inhaltlich
- sich auf etwas Gegenständliches aus der Natur beziehen
- dieses in ein konkretes Geschehen einbetten
- das wiederum in einer überraschenden Wende von der 2. Zeile zur 3. Zeile eine Verallgemeinerung erfahren soll.
Ein Beispiel für ein traditionelles Jahreszeiten-Haiku:

Schau, die Nachtigall!
An der Pflaumenblüte wischt
Sie die Füßchen ab!

(Japanisches Jahreszeiten. Tanka und Haiku aus dreizehn Jahrhunderten, aus dem Japanischen übertragen von Gerolf Coudenhove. Manesse Verlag, Zürich 1963, S. 63)

Kommentar
Die Kurzform zwingt zu genauer Beobachtung und präziser Wortwahl. Schreibanfänger können von den inhaltlichen Festlegungen entbunden werden, sodass sie lediglich ein Gedicht mit 17 Silben verfassen müssen. Auch inhaltlich bieten sich viele Varianten. So eignet sich das traditionell der Natur-Thematik verhaftete japanische Haiku hervorragend zur Ökologie-Lyrik. Auch eine Änderung der Thematik ist möglich, zum Beispiel: ein Zitat/Titel aus der Literaturgeschichte wird gewählt (Literatur-Haiku) oder menschliche Verhältnisse werden in humoristisch-satirischer Form thematisiert (=Senryu).


Renga

Lyrisches Kettengedicht
Dauer: 45 Minuten

Beschreibung des Spiels
Reihum wird ein japanisches Kettengedicht, ein Renga verfasst. Es hat eine dem Haiku verwandte Form, nämlich:

1. Strophe: 7 Silben/ 7 Silben
2. Strophe: 5 Silben/ 7 Silben/ 5 Silben
3. Strophe: 7 Silben/ 7 Silben

Diese Struktur notiert sich jeder auf ein Blatt, schreibt dann die erste Zeile und reicht das Blatt weiter, bis die Kettengedichte fertig sind. Die inhaltliche Verknüpfung sollte dabei lediglich durch ein für alle verbindliches Motiv (zum Beispiel „Frühling“) hergestellt werden.

Variationen
Der erste Schreiber verfasst die 1. Strophe, der zweite als Antwort die 2. Strophe, der dritte zusammenfassend die dritte und so weiter.

Kommentar
Das Renga wurde im Japan des 14. Jahrhunderts als Gesellschaftsspiel betrieben, das darin bestand, in dichterischer Wechselrede zu der 2. Strophe eines Tank (Dreizeilers mit 5 7 5 Silben) eine neue 1. Strophe (Zweizeiler mit jeweils 7 Silben) zu dichten, zu dieser wieder eine 2. Strophe und so weiter.



4 Comments:

Blogger Vivi said...

Wie kann man nur BESCHISSEN in einem Gedicht verwenden? Man muss wohl vollkommen den Verstand verlieren, um so etwas dahin zuschreiben!
Gruß an alle Schreibwerkstätties!

Mittwoch, 21 März, 2007  
Blogger Vivi said...

Hier mal etwas Lyrisches von mir:


KaltKaltKaltKalt
KaltKaltKaltKa
ltKaltKaltKa
ltKaltKalt
KaltKalt
KaltKa
ltKa
lt
*erfrohren*

Mittwoch, 21 März, 2007  
Blogger Vivi said...

Ähm, eigentlich sollte das einen Eiszapfen darstellen, egal....

Mittwoch, 21 März, 2007  
Blogger kleine_antiquarin said...

"erfroren" schreibt man ohne "h" :p

Donnerstag, 22 März, 2007  

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