23 März 2007

14. März 2007

In dieser Stunde hatte ich viel vor. Zunächst verteilte ich einen kleinen Umfragezettel:

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Mögliche Themenschwerpunkte der Schreibwerkstatt bis zu den Sommerferien sind:
(Bitte nur maximal drei Sachen ankreuzen, sonst zählt der Zettel nicht!!!)

O Jedes Bild erzählt eine Geschichte
O Die Fantasie benutzen
O Ich erinnere mich
O Einfache Gedichte
O Wer bin ich?
O Beziehungen erforschen
O Gemeinsam schreiben
O sonstige Vorschläge: ______________

Ich würde gerne folgendes Schreibspiel ausprobieren
(Altes wiederholen? Ein Neues?):
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Ich habe folgende Kritik, Anregung oder Lob:
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Diese ließ ich ausfüllen und erwartete gespannt auf Ergebnisse. Die Umfrage werde ich als Grundlage für unsere nächsten Stunden nehmen.

Danach packte ich eine Packung mit Süßigkeiten aus, machte sie umständlich aus, griff zur Schere und suchte mir in mühevoller Arbeit einige Baiser-Ostereier aus. Dies tat ich nebenbei, denn hauptsächlich fragte ich meine Mädels, ob sie Lust hätten, in der nächsten Stunde einen Themenblock zum Thema „Liebe“ durchzunehmen. Die Idee hatte ich aus einem neuen Buch, das ich mir bestellt hatte und auch von einer „Stern-TV“-Sendung, bei der es um das Schreiben von Liebesbriefen ging. Während ich mir die Meinungen von meinen Mädels einholte (sie hatten nichts gegen solch eine Stunde einzuwenden), hingen sie mir an den Lippen und machten furchtbar große Augen, als ich weiterhin meine Süßigkeiten verzerrte, ohne irgendwelche Anstalten zu machen, ihnen etwas abzugeben.

Schließlich platze einer der Kragen: „Das ist doch eigentlich asozial!“

Ich konterte: „Wieso? Die sind voll lecker.“

Es gab ein allgemeines Aufstöhnen und alle sahen mich mit hungrigen Augen an. Demonstrativ wühlte ich in der Packung, griff nach einem Gummihäschen, hob es in die Höhe und gab bekannt, dass die besonders lecker seien. Wieder allgemeines Geraune und dann der Spruch: „Das ist voll fies!“ Ich hakte nach, was daran fies sei und leitete damit zu meinem Schreibspiel ein: meine Mädels sollten eine Textstelle schreiben, in der sie etwas essen, essen werden oder gegessen haben. Sie sollen in der Ich-Perspektive schreiben und ganz genau beschreiben, wie sich ihre Sinne verhalten, wie sich die Umgebung verändert und natürlich sollten sie ganz besonders auf den Geschmack eingehen.

Nachdem ich die Aufgabenstellung verdeutlicht habe und letzte Fragen geklärt, verteilte ich die Süßigkeiten. Diese Schreibaufgabe sollte den Geschmackssinn behandeln und gleichsam auch die letzte Schreibaufgabe zum Themenblock „Sinne“ bilden.

Das Ergebnis waren wundervolle Texte.

Astrid beschrieb, wie eine in Gefangenschaft geratene Frau, die deutliche Verletzungen aufwies, nach der Befreiung zum ersten Mal wieder Orangen isst. Besonders gekonnt beschrieb sie, wie die Säure der Früchte zwar in den Wunden schmerzten, das Essen aber trotzdem einer göttlichen Offenbarung gleichkam.

Vivianes Figur wurde wahnsinnig, nachdem sie ihr Lieblingsessen nicht bekam.
Tatjanas Hauptperson war zum Essen bei den Eltern ihres Freundes eingeladen worden, wo ein besonders ekelhafter Fisch mit Augen serviert wurde. Den Ekel der Hauptfigur beschrieb sie sehr gekonnt.

In Patricias Geschichte ging es um eine erzwungene Erpressung um bestimmte Details. Das Mittel dazu war ein leckeres Hühnchen.

In Alexandras Geschichte hingegen ging es um den genussvollen Besuch in einem Fast Food Restaurant in einem Flughafen – und das nach einer langen Asia-Reise, bei der die Hauptfiguren nur Reis gegessen hatten.

Ein Textbeispiel von mir:

„Ja, auch ich habe ab und an Liebesbeziehungen. Da staunt ihr, oder? Erst letztens wieder – das muss ich euch unbedingt erzählen. Es begann in einer mir unbekannten Konditorei in einer mir unbekannten Stadt. Ich setze mich auf einem der ekelhaft weißgelben Plastikstühle und bestellte mir einen Kaffee, der in kleinen, spießigen Tassen gebracht wurde. Bevor meine Lippen das Porzellan berührten, sah ich ihn. Er war braungebrannt und groß und starrte zu mir zurück. Mein Herzschlag setzte einen Moment aus und mein Mund klappte auf. Ich riss meine Augen auf und Tränen des Glücks füllten sie. Wie eine leblose Marionette ließ ich die Tasse fallen, die lautlos auf dem Steinfußboden aufschlug und zerschellte, stand auf und rannte zu ihm hin. Die ganze Welt drehte sich nur noch um ihn und mein Verlagen steigerte sich ins Unermessliche. Ich wollte nur noch ihn. Ein Schrei des Glücks drang aus meinem Mund, der zu einem gigantischen Schlund wurde. Miene Hände umklammerten zitternd einen nackten, hilflosen Körper und dann verschlang ich ihn in wenigen Augenblicken – meinen Schokoladenkuchen.“

Die Schreibaufgabe fand viel Anklang (besonders die Beilage) und ich war überrascht, wie viele verschiedene Situationen den Mädchen einfielen.

Die zweite Schreibaufgabe des Tages handelte von Farben. Ein letztes Mal wollte ich den Sehsinn behandeln. Auf einem Tisch hatte ich mehr als zwanzig farbige Blättchen verteilt und jeder durfte sich eines aussuchen, was gerade zu seinem Leben oder das einer fiktiven Person passte. Jeder sollte eine kurze Erklärung schreiben.

Das Ergebnis war ein bunter Mix zu den verschiedensten Themengebiete, darunter sehr klischeehafte und auch sehr persönliche Stellungnahmen.

Zum Abschluss wünschte sich die Mädels eine abschließende Runde „Mafia“. Dieses Mal sollten die Verbrecher an der eigenen Schule gesucht werden. Lehrer und Schüler beratschlagten sich und schon nach zwei Runden wurden alle Verbrecher gefunden und vom Dienst suspendiert.