28. März 2007
In dieser Stunde gab ich die Ergebnisse der Umfrage bekannte. In den Tagen zuvor war ich mit dem Aufstellen eines Planes beschäftigt. Für die letzten zwölf Doppelstunden in diesem Schuljahr wollte ich alles gut verteilen.
Der nächste Themenblock beschäftigte sich mit der Idee „Die Phantasie benutzen“ und das taten wir in dieser Stunde auch.
Es war ein beklemmend sonniger Tag, vielleicht einer der sonnigsten in diesem frühen Jahr. Dennoch war es bei uns im Latein-Saal duster. Dies hatte ich mit Absicht getan, um die Atmosphäre an die heutige Schreibaufgabe anzupassen.
Jeder musste seine Augen schließen und ich fing an, die Vorgeschichte des heutigen Tages neu zu erzählen:
Jeder von uns hatte heute große Schwierigkeiten das Haus zu verlassen, denn als meine Mädels heute aus ihren Fenstern geschaut haben, lag der Schnee bereits einen halben Meter hoch. Dennoch kämpften sie sich zur Schule, da der Schnee bei uns niemals lange liegen bleibt. Das Wetter war ungewöhnlich und auch das Lehrerkollegium beratschlagte in der zweiten Stunde, ob der Unterricht heute nicht früher enden sollte, doch da es mittlerweile wieder aufgehört hatte, ließ man diese Idee fallen. Doch ab der fünften Schulstunde fing es dermaßen an zu schneien, dass die Umgebung draußen nicht mehr zu erkennen war. Der Schnee fiel so dicht und schnell, dass innerhalb von einer halben Stunde ein halber Meter Neuschnee gefallen war. Selbst der Hausmeister der Schule staunte nicht schlecht, da er draußen keine Luft bekam, weil es so sehr schneite.
Von all dem wussten die Schüler drinnen aber noch nichts. Nach der sechsten Stunde konnten sie noch ganz normal das Schulgebäude verlassen. Durch die Lehrerkonferenzen hatte jeder Schüler nach der sechsten Stunde frei, sodass nur noch meine Schäfchen und ich im Neubau waren. Wir hielten ganz normal unsere zwei Stunden ab.
Ich selbst war krank und hatte die Grippe, war aber trotzdem gekommen. Nach der Stunde gingen wir nach unten und stellten fest, dass die Schneeverwehungen den ganzen Eingang blockiert haben. Da die Schule wie verrückt heizt, waren die Türen warm. Der dagegen gewehte Schnee schmolz und vereiste die Türen. Dies bedeutete, dass wir in der Schule eingeschlossen waren und dort übernachten mussten. Inzwischen braute sich ein großer Schneesturm über uns zusammen und der Schnee lag mehr als zwei Meter hoch. Da er sehr dicht fiel, hatten unsere Handys keinen Empfang.
Dies war unsere Ausgangssituation. Angeregt wurde sie durch ein Schreibspiel aus „Schreibwerkstatt“ von Klaus Vopel:
Schneesturm
Ziele: Die Teilnehmer stellen sich vor, was geschähe, wenn die Gruppe von einem Schneesturm überrascht würde und nicht nach Hause gehen könnte: Sie müssen über Nacht zusammenbleiben. Sie – der Leiter – können sich nicht um die Gruppe kümmern. Eine schwere Grippe setzt Sie schachmatt. Diese imaginäre Situation ist dann besonders fruchtbar, wenn die Gruppenmitglieder sich noch nicht gut kennen. Jeder kann nur darüber spekulieren, wie sich die übrigen Teilnehmer in dieser Situation verhalten würden. Vorurteile können dabei deutlich werden, aber auch realistische Einschätzungen der anderen.
Anleitung: Stellt euch vor, dass unsere Gruppe von einem gewaltigen Schneesturm überrascht wird. Der Wind heult um das Gebäude und es schneit ohne Unterbrechung. In den Straßen liegt meterhoher Schnee und es ist unmöglich, dass wir nach Hause gehen. Natürlich haben wir uns nicht darauf vorbereiten können. Wir müssen die Nacht in diesem Gebäude verbringen. Ich selbst kann mich nicht um die Gruppe kümmern. Ich leide unter einer schweren Grippe mit hohem Fieber und muss die Nacht allein in einem anderen Raum verbringen. Wie würde diese Nacht ablaufen? Was würde geschehen? Schreibt einen Bericht über die Gruppe. Erwähnt die Namen der anderen Gruppenmitglieder und beschreibt kurz jeden einzelnen. Berichtet, was jeder tut und sagt.
Die Berichtform ließ ich weg, da sie mir zu trocken erschien. Die Handlung setzte ich sofort in die Realität. Ich fragte die Mädchen mit großen Augen, was wir jetzt machen sollten und wer noch etwas zu essen dabei hatte. Während die Mädchen ihre Texte schrieben, zeichnete ich als Verbildlichung unserer Lage ein Fenster an die Tafel – mit einem Ausblick in einen waschechten Schneesturm.
Hier ein Beispiel von Annika:
„Langsam zog die Kälte durch das Fenster. Vielleicht war die Heizung kaputt gegangen. Der Hunger nagte an uns und Mara kämpfte mit ihrer Wasserflasche. Das Wasser war von einer dünnen Eisschicht überzogen. Ich hatte sie ja gewarnt, die Flasche ans Fenster zu stellen. Jetzt bekam Norsin einen schrecklichen Hustenanfall. Schnell brachten wir uns hinter den Tischen in Sicherheit. Bloß nicht krank werden! Wir packten unsere Ranzen aus und legten sie als Decke auf unsere zitternde, sich am Boden windende Norsin. Astrid indes ging zum fünften Mal runter zum Bäcker, um Durstlöscher für uns zu holen. Auf den Weg zurück zu den anderen prüfte sie, ob die Türen sich immer noch nicht öffnen ließen. Durch die dicke Eisschicht an dem Glas konnte man nicht erkennen, dass es noch schneite, aber wir hörten den Wind heulen und spürten die klirrende Kälte. Maras Kampf mit der Wasserflasche war inzwischen soweit ausgeartet, dass sie sie an die Scheibe hämmerte in der Hoffnung, dass das Eis zerspringen würde. Doch nicht das Eis brach, sondern die Scheibe und Mara trudelte durch die Wucht ihres Schlages durch den Raum und fiel schließlich über die Fensterbank ins Freie. Tatjana rannte zum Fenster und sah zu, wie Mara langsam im Schnee versank.
„Oh mein Gott“, sagte Tatty verwirrt.
Alex, die einer seltsamen Panik verfallen war, grinste verrückt und lachte: „Tja, … jetzt ist endlich Ruhe …“ Sie zuckte und krächzte ihr schauriges Lachen. So war sie jetzt schon seit etwa einer Stunde. Sie hatte wohl den ganzen Tag noch nichts gegessen und außerdem litt sie an einer fürchterlichen Schneephobie.
Das Licht flackerte. Schließlich ging es ganz aus. Der Strom war ausgefallen.
Da drang von unten ein Geräusch zu uns. Patricia rannte zum Fenster und schrie: „Vivi! Sie lebt, sie lebt!“ Vor lauter Freude fiel sie ihn Ohnmacht. Vivi kletterte voller Zuversicht die Wand des Neubaus hoch und zog sich durch das zersprungene Fenster. Sie hatte ihre Sachen im Schnee verloren und litt wie wir unter dem quälenden Hunger. Doch ihre größte Sorge galt Norsin. Sie lief zu ihr und nahm sie in die Arme. Mit einem Satz war Astrid bei ihr und riss sie wieder weg. „Pass auf, Viviane. Norsin könnte dich anstecken.“ Wir konnten uns nur mit Mühe wieder beruhigen und ich schlug vor, erstmal den Raum zu wechseln, weil durch das zerbrochene Fenster der eisige Schnee hereinwehte. Also weckten wir Patricia und gingen gemeinsam in den Nachbarraum. Nur Norsin und Vivi blieben im Flur, damit sie uns nicht anstecken konnten. Dann begannen wir damit, alles aufzuschreiben, was passier war. Falls wir sterben würden, konnte so jeder unsere Geschichte, unsere Qualen lesen. Da hörten wir, wie die Glasscherben der Fenster im Flur zersprangen. Sie hatten dem Druck nicht mehr standgehalten. Auch unseres krachte schon bedrohlich. Schnell liefen wir raus und zogen mit Vivi und Norsin nach unten. Tatsächlich waren auch die Türen geborsten und wir kämpften uns gemeinsam bis zum Rugbyring, auf dem dank Massen an Schneepflügen kein Schnee mehr lag, durch. Endlich gerettet. Wir waren zerkratzt und blutete aus tausend Wunden, doch wir waren glücklich.“
Und hier ein Beispiel von Patricia (das besonders fies ist!):
„Na toll. Wir sitzen hier fest.“ Angenervt rüttelt Norsin an der Tür. Ein Niesen folgt der Aussage und wir weichen ängstlich vor ihr zurück. Keiner will mit Vogelgrippe infiziert werden. „Was schreibst du da, ich habe gar keine Vogelgrippe!“, würde Norsin jetzt protestieren. Wie gut, dass sie nichts weiß, was ich weiß, dass sie nie wissen will.
„Vielleicht kommt heute Nacht ein Prinz und rettet mich“, sage ich.
Was mit den restlichen Leuten, die ich meine Freunde nenne, wäre, fragt mich Astrid.
Tja, bei Liebe hört die Freundschaft auf.
„Und wenn ich die Wahl hätte, zwischen euch und dem ultimativen Dreamboy, fiele mir die Entscheidung nicht schwer.“
Böse Blicke habe ich mir mit dieser Aussage verschafft. Aber hier geht es weder um Freundschaftsbeweise, noch um die Liebe meines Lebens; es geht ums nackte Überleben; wir sind eingeschlossen in unserer Schule, haben keine Fluchtmöglichkeit. Noch funktionieren Licht und Heizung … aber sollten selbige ausfallen, haben wir zwei Aktionen zur Auswahl: Entweder wir springen aus einem Fenster, das man öffnen kann und sterben einen schnellen Tod, bewusstlos werden wir schon im Fall und sterben werden wir durch den Kälteschock. Wir können aber auch einfach dahinsiechen und Stunde um Stunde darauf warten, dass der Tod langsam und kalt eintritt. Für Norsin ist es eigentlich egal, sie wird ohnehin an ihrer Vogelgrippe sterben.
Vivi ist gerade der Meinung, man müsse sich kaputtlachen, deshalb tut sie das auch gerade. Tatti und ich müssen mal zur Toilette. Im Mädchenkloraum ist es kalt.
„Krass, wollen die, dass ich auf der Klobrille festfriere?“
Ich beeile mich auch schon, kaum zu glauben, mit welchen Problemen man hier konfrontiert wird. Wir sind lost in einer Schule! Kein Mensch macht auch nur Anstalten uns zu bergen. Man kann nicht mal wo anrufen. Kein Empfang. Traurig, aber wahr.
„Hast du’s bald?“, fragt Tatti. Oh. Ich wäre fast eingeschlafen. Unter dem Schlitz zwischen Tür und Boden kriecht eine Hand herein. Ich ziehe Wasser.
Moment – eine HAND?! Hysterisch kreische ich und springe auf die Klobrille, einen Deckel hat sie schließlich nicht.
„Was ist, was ist denn?!“, will Tati wissen und hämmert an die Tür.
„Verarsch mich nicht und nimm deine Scheiß-Hand da unten weg!“, sage ich empört.
Sie sagt, ihre Hand sei das nicht. Gut, ich trete jetzt darauf und wenn es doch ihre war, hat sie Pech gehabt.
Mittlerweile wuselt die mysteriöse Hand mit Arm suchend über den Boden!
BAMM!
Ich war darauf getreten und hielt sie mit dem Fuß fest. Kein Laut von Tatti, außer ihrer „Was ist“-Frage. Ich glaube, es ist wirklich nicht ihre.
Oh mein Gott. Ich bleibe auf ihr stehen und betrachte sie.
„Sieht aus wie `ne Jungenhand.“
Ich glaube, Tati hält mich für bekloppt, sie hat sie immer noch nicht gesehen. Ich verbiege mich, soweit es geht und kann die Tür öffnen. Tatti wird von Schreck ganz blass.
„Die kommt aus der Nachbartoilette“, stammelt sie und ich bitte sie, dort nachzusehen. Doch sobald die Tür offen ist, verschwindet die Hand, sie löst sich einfach in Luft auf“
„Okay“ – sagen wir gleichzeitig und rannten so schnell wir konnten zu den anderen zurück.
„Hier spukt es“, schreien wir.
Vivi lacht sich kaputt. Schon wieder oder immer noch, keine Ahnung.
„Toll – wie in unseren Geschichten!“, freut sich Norsin und röchelt.
„Ich habe Hunger“, sagt Alex und angelt sich einen Durstlöscher hinter der Theke hervor. Sehr sättigend.
„Vorhin war da in der Toilette ein Jungenschatten. Also so von einem 18-Jährigen, schätze ich. Ich sah ihm im Spiegel, aber als ich mich umdrehte, war er weg!“
Annika schüttelte sich, um ihre Gänsehaut zu bekunden.
Wir erzählten allen von der komischen Hand, die sich auflöste und Norsin röchelte. Auf einmal flackerte das Licht. Dann erschien neben Astrid der Schatten. Astrid sprang geschockt zur Seite.
„Was willst du denn jetzt?“, fragte Mara ihn, „Hast du wenigstens was zum Essen dabei?“
Er sprach nicht, er schaute nur, wobei keiner wusste, wohin. Alex hatte ihren Durstlöscher geleert und Vivi nahm ihn ihr ab und warf ihn dem Schatten an den vermeintlichen Kopf.
Norsin hustete.“
Der nächste Themenblock beschäftigte sich mit der Idee „Die Phantasie benutzen“ und das taten wir in dieser Stunde auch.
Es war ein beklemmend sonniger Tag, vielleicht einer der sonnigsten in diesem frühen Jahr. Dennoch war es bei uns im Latein-Saal duster. Dies hatte ich mit Absicht getan, um die Atmosphäre an die heutige Schreibaufgabe anzupassen.
Jeder musste seine Augen schließen und ich fing an, die Vorgeschichte des heutigen Tages neu zu erzählen:
Jeder von uns hatte heute große Schwierigkeiten das Haus zu verlassen, denn als meine Mädels heute aus ihren Fenstern geschaut haben, lag der Schnee bereits einen halben Meter hoch. Dennoch kämpften sie sich zur Schule, da der Schnee bei uns niemals lange liegen bleibt. Das Wetter war ungewöhnlich und auch das Lehrerkollegium beratschlagte in der zweiten Stunde, ob der Unterricht heute nicht früher enden sollte, doch da es mittlerweile wieder aufgehört hatte, ließ man diese Idee fallen. Doch ab der fünften Schulstunde fing es dermaßen an zu schneien, dass die Umgebung draußen nicht mehr zu erkennen war. Der Schnee fiel so dicht und schnell, dass innerhalb von einer halben Stunde ein halber Meter Neuschnee gefallen war. Selbst der Hausmeister der Schule staunte nicht schlecht, da er draußen keine Luft bekam, weil es so sehr schneite.
Von all dem wussten die Schüler drinnen aber noch nichts. Nach der sechsten Stunde konnten sie noch ganz normal das Schulgebäude verlassen. Durch die Lehrerkonferenzen hatte jeder Schüler nach der sechsten Stunde frei, sodass nur noch meine Schäfchen und ich im Neubau waren. Wir hielten ganz normal unsere zwei Stunden ab.
Ich selbst war krank und hatte die Grippe, war aber trotzdem gekommen. Nach der Stunde gingen wir nach unten und stellten fest, dass die Schneeverwehungen den ganzen Eingang blockiert haben. Da die Schule wie verrückt heizt, waren die Türen warm. Der dagegen gewehte Schnee schmolz und vereiste die Türen. Dies bedeutete, dass wir in der Schule eingeschlossen waren und dort übernachten mussten. Inzwischen braute sich ein großer Schneesturm über uns zusammen und der Schnee lag mehr als zwei Meter hoch. Da er sehr dicht fiel, hatten unsere Handys keinen Empfang.
Dies war unsere Ausgangssituation. Angeregt wurde sie durch ein Schreibspiel aus „Schreibwerkstatt“ von Klaus Vopel:
Schneesturm
Ziele: Die Teilnehmer stellen sich vor, was geschähe, wenn die Gruppe von einem Schneesturm überrascht würde und nicht nach Hause gehen könnte: Sie müssen über Nacht zusammenbleiben. Sie – der Leiter – können sich nicht um die Gruppe kümmern. Eine schwere Grippe setzt Sie schachmatt. Diese imaginäre Situation ist dann besonders fruchtbar, wenn die Gruppenmitglieder sich noch nicht gut kennen. Jeder kann nur darüber spekulieren, wie sich die übrigen Teilnehmer in dieser Situation verhalten würden. Vorurteile können dabei deutlich werden, aber auch realistische Einschätzungen der anderen.
Anleitung: Stellt euch vor, dass unsere Gruppe von einem gewaltigen Schneesturm überrascht wird. Der Wind heult um das Gebäude und es schneit ohne Unterbrechung. In den Straßen liegt meterhoher Schnee und es ist unmöglich, dass wir nach Hause gehen. Natürlich haben wir uns nicht darauf vorbereiten können. Wir müssen die Nacht in diesem Gebäude verbringen. Ich selbst kann mich nicht um die Gruppe kümmern. Ich leide unter einer schweren Grippe mit hohem Fieber und muss die Nacht allein in einem anderen Raum verbringen. Wie würde diese Nacht ablaufen? Was würde geschehen? Schreibt einen Bericht über die Gruppe. Erwähnt die Namen der anderen Gruppenmitglieder und beschreibt kurz jeden einzelnen. Berichtet, was jeder tut und sagt.
Die Berichtform ließ ich weg, da sie mir zu trocken erschien. Die Handlung setzte ich sofort in die Realität. Ich fragte die Mädchen mit großen Augen, was wir jetzt machen sollten und wer noch etwas zu essen dabei hatte. Während die Mädchen ihre Texte schrieben, zeichnete ich als Verbildlichung unserer Lage ein Fenster an die Tafel – mit einem Ausblick in einen waschechten Schneesturm.
Hier ein Beispiel von Annika:
„Langsam zog die Kälte durch das Fenster. Vielleicht war die Heizung kaputt gegangen. Der Hunger nagte an uns und Mara kämpfte mit ihrer Wasserflasche. Das Wasser war von einer dünnen Eisschicht überzogen. Ich hatte sie ja gewarnt, die Flasche ans Fenster zu stellen. Jetzt bekam Norsin einen schrecklichen Hustenanfall. Schnell brachten wir uns hinter den Tischen in Sicherheit. Bloß nicht krank werden! Wir packten unsere Ranzen aus und legten sie als Decke auf unsere zitternde, sich am Boden windende Norsin. Astrid indes ging zum fünften Mal runter zum Bäcker, um Durstlöscher für uns zu holen. Auf den Weg zurück zu den anderen prüfte sie, ob die Türen sich immer noch nicht öffnen ließen. Durch die dicke Eisschicht an dem Glas konnte man nicht erkennen, dass es noch schneite, aber wir hörten den Wind heulen und spürten die klirrende Kälte. Maras Kampf mit der Wasserflasche war inzwischen soweit ausgeartet, dass sie sie an die Scheibe hämmerte in der Hoffnung, dass das Eis zerspringen würde. Doch nicht das Eis brach, sondern die Scheibe und Mara trudelte durch die Wucht ihres Schlages durch den Raum und fiel schließlich über die Fensterbank ins Freie. Tatjana rannte zum Fenster und sah zu, wie Mara langsam im Schnee versank.
„Oh mein Gott“, sagte Tatty verwirrt.
Alex, die einer seltsamen Panik verfallen war, grinste verrückt und lachte: „Tja, … jetzt ist endlich Ruhe …“ Sie zuckte und krächzte ihr schauriges Lachen. So war sie jetzt schon seit etwa einer Stunde. Sie hatte wohl den ganzen Tag noch nichts gegessen und außerdem litt sie an einer fürchterlichen Schneephobie.
Das Licht flackerte. Schließlich ging es ganz aus. Der Strom war ausgefallen.
Da drang von unten ein Geräusch zu uns. Patricia rannte zum Fenster und schrie: „Vivi! Sie lebt, sie lebt!“ Vor lauter Freude fiel sie ihn Ohnmacht. Vivi kletterte voller Zuversicht die Wand des Neubaus hoch und zog sich durch das zersprungene Fenster. Sie hatte ihre Sachen im Schnee verloren und litt wie wir unter dem quälenden Hunger. Doch ihre größte Sorge galt Norsin. Sie lief zu ihr und nahm sie in die Arme. Mit einem Satz war Astrid bei ihr und riss sie wieder weg. „Pass auf, Viviane. Norsin könnte dich anstecken.“ Wir konnten uns nur mit Mühe wieder beruhigen und ich schlug vor, erstmal den Raum zu wechseln, weil durch das zerbrochene Fenster der eisige Schnee hereinwehte. Also weckten wir Patricia und gingen gemeinsam in den Nachbarraum. Nur Norsin und Vivi blieben im Flur, damit sie uns nicht anstecken konnten. Dann begannen wir damit, alles aufzuschreiben, was passier war. Falls wir sterben würden, konnte so jeder unsere Geschichte, unsere Qualen lesen. Da hörten wir, wie die Glasscherben der Fenster im Flur zersprangen. Sie hatten dem Druck nicht mehr standgehalten. Auch unseres krachte schon bedrohlich. Schnell liefen wir raus und zogen mit Vivi und Norsin nach unten. Tatsächlich waren auch die Türen geborsten und wir kämpften uns gemeinsam bis zum Rugbyring, auf dem dank Massen an Schneepflügen kein Schnee mehr lag, durch. Endlich gerettet. Wir waren zerkratzt und blutete aus tausend Wunden, doch wir waren glücklich.“
Und hier ein Beispiel von Patricia (das besonders fies ist!):
„Na toll. Wir sitzen hier fest.“ Angenervt rüttelt Norsin an der Tür. Ein Niesen folgt der Aussage und wir weichen ängstlich vor ihr zurück. Keiner will mit Vogelgrippe infiziert werden. „Was schreibst du da, ich habe gar keine Vogelgrippe!“, würde Norsin jetzt protestieren. Wie gut, dass sie nichts weiß, was ich weiß, dass sie nie wissen will.
„Vielleicht kommt heute Nacht ein Prinz und rettet mich“, sage ich.
Was mit den restlichen Leuten, die ich meine Freunde nenne, wäre, fragt mich Astrid.
Tja, bei Liebe hört die Freundschaft auf.
„Und wenn ich die Wahl hätte, zwischen euch und dem ultimativen Dreamboy, fiele mir die Entscheidung nicht schwer.“
Böse Blicke habe ich mir mit dieser Aussage verschafft. Aber hier geht es weder um Freundschaftsbeweise, noch um die Liebe meines Lebens; es geht ums nackte Überleben; wir sind eingeschlossen in unserer Schule, haben keine Fluchtmöglichkeit. Noch funktionieren Licht und Heizung … aber sollten selbige ausfallen, haben wir zwei Aktionen zur Auswahl: Entweder wir springen aus einem Fenster, das man öffnen kann und sterben einen schnellen Tod, bewusstlos werden wir schon im Fall und sterben werden wir durch den Kälteschock. Wir können aber auch einfach dahinsiechen und Stunde um Stunde darauf warten, dass der Tod langsam und kalt eintritt. Für Norsin ist es eigentlich egal, sie wird ohnehin an ihrer Vogelgrippe sterben.
Vivi ist gerade der Meinung, man müsse sich kaputtlachen, deshalb tut sie das auch gerade. Tatti und ich müssen mal zur Toilette. Im Mädchenkloraum ist es kalt.
„Krass, wollen die, dass ich auf der Klobrille festfriere?“
Ich beeile mich auch schon, kaum zu glauben, mit welchen Problemen man hier konfrontiert wird. Wir sind lost in einer Schule! Kein Mensch macht auch nur Anstalten uns zu bergen. Man kann nicht mal wo anrufen. Kein Empfang. Traurig, aber wahr.
„Hast du’s bald?“, fragt Tatti. Oh. Ich wäre fast eingeschlafen. Unter dem Schlitz zwischen Tür und Boden kriecht eine Hand herein. Ich ziehe Wasser.
Moment – eine HAND?! Hysterisch kreische ich und springe auf die Klobrille, einen Deckel hat sie schließlich nicht.
„Was ist, was ist denn?!“, will Tati wissen und hämmert an die Tür.
„Verarsch mich nicht und nimm deine Scheiß-Hand da unten weg!“, sage ich empört.
Sie sagt, ihre Hand sei das nicht. Gut, ich trete jetzt darauf und wenn es doch ihre war, hat sie Pech gehabt.
Mittlerweile wuselt die mysteriöse Hand mit Arm suchend über den Boden!
BAMM!
Ich war darauf getreten und hielt sie mit dem Fuß fest. Kein Laut von Tatti, außer ihrer „Was ist“-Frage. Ich glaube, es ist wirklich nicht ihre.
Oh mein Gott. Ich bleibe auf ihr stehen und betrachte sie.
„Sieht aus wie `ne Jungenhand.“
Ich glaube, Tati hält mich für bekloppt, sie hat sie immer noch nicht gesehen. Ich verbiege mich, soweit es geht und kann die Tür öffnen. Tatti wird von Schreck ganz blass.
„Die kommt aus der Nachbartoilette“, stammelt sie und ich bitte sie, dort nachzusehen. Doch sobald die Tür offen ist, verschwindet die Hand, sie löst sich einfach in Luft auf“
„Okay“ – sagen wir gleichzeitig und rannten so schnell wir konnten zu den anderen zurück.
„Hier spukt es“, schreien wir.
Vivi lacht sich kaputt. Schon wieder oder immer noch, keine Ahnung.
„Toll – wie in unseren Geschichten!“, freut sich Norsin und röchelt.
„Ich habe Hunger“, sagt Alex und angelt sich einen Durstlöscher hinter der Theke hervor. Sehr sättigend.
„Vorhin war da in der Toilette ein Jungenschatten. Also so von einem 18-Jährigen, schätze ich. Ich sah ihm im Spiegel, aber als ich mich umdrehte, war er weg!“
Annika schüttelte sich, um ihre Gänsehaut zu bekunden.
Wir erzählten allen von der komischen Hand, die sich auflöste und Norsin röchelte. Auf einmal flackerte das Licht. Dann erschien neben Astrid der Schatten. Astrid sprang geschockt zur Seite.
„Was willst du denn jetzt?“, fragte Mara ihn, „Hast du wenigstens was zum Essen dabei?“
Er sprach nicht, er schaute nur, wobei keiner wusste, wohin. Alex hatte ihren Durstlöscher geleert und Vivi nahm ihn ihr ab und warf ihn dem Schatten an den vermeintlichen Kopf.
Norsin hustete.“

2 Comments:
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