31 Januar 2007

Fünfte Stunde - 25. Oktober 2006

Zu Anfang eine kleine Vorgeschichte:

Ich bin in einem Büchertauschforum aktiv und dass nun seit mehr als zwei Jahren. Eine kleine Gruppe der Mitglieder hatte die Aktion "Selbstgeschriebenes" ins Leben gerufen. Jeder konnte sich in eine Liste eintragen und bekam dann irgendwann per Post einen Ordner zugeschickt, der die Reihe nach durchging. In dieser Woche erreichte der Ordner mich. Die Mitglieder des Portals hatten eigene, kleine Geschichte, Gedichte und Gedanken beigelegt und jeder, der wollte, durfte etwas dazulegen, lesen, kommentieren. Es war inzwischen eine sehr bunte Sammlung von mehr als fünfzig verschiedenen Sachen und die Idee begeisterte mich.

Zu Anfang der Schreibwerkstattstunde gab es einiges zu besprechen.

1. Ich fragte meine Mädchen, ob sie Lust hätten, ebenfalls so ein Buch zu führen. Ich würde einen Ordner kaufen und jeder aus der Gruppe würde ihn einmal mit nach Hause nehmen können, um dann zu lesen, was die anderen so alles schreiben. Die Mädchen waren begeistert.
2. Bei der zweiten Sache kamen die Mädchen auf mich zu. Anfang Dezember sollte der Weihnachtsbasar der Schule stattfinden und sie wollten die Schreib-AG unbedingt mit einem Stand vertreten. Da es gute Werbung wäre, versprach ich, dass ich mir etwas für unseren Stand ausdenken würde.
3. Die dritte Sache war ein Problem. Ich wollte meine Mädels auf das Gebiet von Schreibwettbewerben hinführen, da ich meinerseits einen Mentor hatte, der mir in jungen Jahren geholfen und Tipps gegeben hat. Nach einigen Recherchearbeiten brachte ich eine kleine Auswahl an möglichen Wettbewerben. Die Auswahl fand ich sehr enttäuschend und schwach. Viele Wettbewerbe musste ich von vornherein aussortieren (falsches Alter, Absendeschluss zu schnell, Gewinner mussten zum Ort fahren, der zu weit weg war und viele verlangten (!) für die Teilnahme Geld). Die mickrige Auswahl von fünf schwachen Themen enttäuschte nicht nur mich, da ich gehofft hatte, dass besonders vor der Weihnachtszeit einige kreative Ideen und Wettbewerbe auftauchen würden. Daher sprachen wir über die Möglichkeit, selbst einen Schreibwettbewerb zu initiieren. Da alle in der Jury sein wollten, einigten wir uns schnell darauf, dass wir durch diese Aktion "hinter die Kulissen" schauen könnten.
Und der Weihnachtsbasar war eine prima Gelegenheit, Werbung zu machen.

Nach den Besprechungen kamen wir zum heutigen Schreibspiel. Dazu erklärte ich den Mädchen, was ein Cluster ist:


Cluster I

Assoziatives Schreiben
Dauer: 45 Minuten

Beschreibung des Spiels
Ein Kernwort wird auf die Mitte eines Blattes geschrieben. Dann schreibt jeder um sein Wort die Assoziationen, die ihm dazu einfallen. Zusammenhängende Assoziationsketten werden mit Strichen und Pfeilen verbunden. Sobald der Eindruck entsteht, man könne den ersten Satz schreiben: Pause machen, entspannen und eine neue Kette vom Kernwort aus beginnen. Wenn die Ketten abgesättigt sind, von irgendeinem Element zum ersten Satz anregen lassen und von Element zu Element weiterschreiben. Nicht mehr als eine Seite schreiben. Am Ende, wenn das Cluster ausgeschlachtet ist, zum Ausgangssatz zurückkehren und den Text mit der Wiederaufnahme des Eingangsgedankens abrunden.

Kommentar
Das Clustern ist eine von der amerikanischen Kreativitätspsychologie entwickelte Basistechnik, um Assoziationen freizusetzen, sichtbar zu machen und zu ordnen. Es eignet sich für viele Schreibspiele als Einstiegsübung und lässt sich auch gut gegen Schreibblockaden einsetzen.



Ich wollte mich besonders auf die Assoziationsketten konzentrieren. Nachdem ich meinen Mädels das Cluster erklärt habe, suchten wir uns alle gemeinsam ein Wort aus. Die Entscheidung fiel zwischen dem Lieblingsthema meiner Schützlinge („Mord!“) und einem eher scherzhaften Vorschlag („Kaffeemaschine!“). Das Rennen machte die Kaffeemaschine.



Jeder sollte das Hauptwort auf sein Blatt schreiben und ganz viele Assoziationen drum herum clustern. Aus all diesen Assoziationen mussten sie sich eins aussuchen, von dem sie weitergingen und um das sich nun die neuen Assoziationen scharrten. So entstand meine gewollte Assoziationskette, aus denen sie letztendlich (nach einer Zeitvorgabe) eine Geschichte machen mussten.

Hier die Auszüge aus ihren Assoziationsketten:

Kaffeemaschine – heiß – Feuer – Brandstiftung – verbrennen – Holz – Baum – Affe – klettern

Kaffeemaschine – Bohnen – Pflanze – Erde – dunkel – Nacht – Mond – Wald

Kaffeemaschine – Cappuccino – Café – Leute treffen – Kontaktanzeige – Fehler – Missverständnis – Problem – Hilfe – Retter – schwimmen – Sonne – heiß – kalt – Fischstäbchen – Essen – Fast Food – KFC – Hühnchen – Bauernhof – „Bauer sucht Frau“ – Blödsinn – Quatsch – lachen – weinen – Tränen – Trauer

Kaffeemaschine – Frühstück – Aufbruch – Entschluss – neue Ziele – survival – fremde Länder kennen lernen – Fantasy – Drachen – Feuer – grillen – Schweinebauch – lecker

Kaffeemaschine – Stromrechnung – Obdachlosigkeit – Hungerstod – Leiche – Sarg – Holz – Bäume – Wald – Rodung – Steinzeitmensch – Frau Hock – Haarreifen – kaputt gehen – neu kaufen – Media Markt – teuer – Gemälde – Rembrandt – Tod – Ende des Lebens

Kaffeemaschine – Wasser – Meer – Insel – Landschaften – Wald – verzaubert – magische Wesen – Werwolf – Nacht – Finsternis – hilflos – Rettung – Held

Kaffeemaschine – Wasser – Nixen – Fabelwesen – Einhörner – Vollmond – Liebe – Kamin – Schnee – Schal – Hals – Hand – Gips – Arzt – Windpocken



Ich habe ihnen extra nur ein Wort gegeben, um später zu verdeutlichen, wie viele verschiedene Ideen aus einer Assoziationskette entstehen können und wie unterschiedlich dann die Umsetzung in eine Geschichte ist, was letztendlich auch geklappt hat.

Wir haben mal wieder maßlos überzogen ;-)

Vierte Stunde - 18. Oktober 2006

Am Anfang der nächsten Stunde wurden Geschenke verteilt. Ich war nach einem anstrengenden Wochenende zwar müde, aber mit meiner Ausbeute durchaus zufrieden:

Nach fünf Tagen Buchmesse und vielen überraschenden Abenteuern hatte ich auch an meinem einzigen freien Nachmittag am Wochenende mein "Fünf-Tages-Händler-Ticket" ausgenutzt und bin mit meinem Freund hingefahren. Ich war noch auf der Suche nach Mitbringseln für meine fleißigen Schreibwerkstattschülerinnen und hatte verschiedene Sachen zusammengesammelt. Darunter befanden sich viele Sachen von den Comicständen (Mangaschnürsenkel, Buttons, Comics), unzählige Leseproben, Kugelschreiber, Lesezeichen, Postkarten, ...

Gleich zu Anfang der Stunde verteilte ich die Sachen (darunter auch Gummibärchen vom Dummie-Verlag) und zu meiner Freude fand jeder etwas brauchbares in seiner Verlagstüte mit der gelben Gummiente.

Besonders eine besondere Kleinigkeit wollte ich gleich ausprobieren. Es war ein Rätselspiel, dass ich bei einem Stand für jeden ergattern konnte. "Black Stories" heißt das Spiel und ist schnell erklärt: auf vorgefertigten Kärtchen wird eine absurde Situation erklärt und die Rätselratende sollen herausfinden, wie es zu dieser Situation kam. Sie dürfen Fragen an der Spielleiter stellen, der die Lösung weiß, aber er darf die Fragen nur mit "Ja" oder "Nein" beantworten.


Hier nun einige Beispiele:

Weil ein Mann kaute, wurde eine ältere Dame bestraft. Wie kam es zu dieser Situation?*

Ein Mann packte einen abgetrennten Arm in ein Paket und verschickte es. Das Paket kam bei drei einarmigen Männern an, welche den Inhalt zufrieden ins Meer warfen. Wie kam es zu dieser Situation?**

Ein Mädchen bestellte sich in einem Spezialitätenrestaurant ein Leguan-Steak. Nach dem ersten Bissen stand sie auf und warf sich vor einen vorbeifahrenden LKW. Wie kam es dazu?***


Die Lösungen verrate ich dann am Ende dieses Eintrags. Die Geschichten und Motive sind kompliziert, abwegig, voller schwarzem Humor, aber logisch. Ich hatte die Rätsel schon mal älteren Erwachsenen erzählt und viele haben viel länger für die Lösung gebraucht als meine Mädels. Vielleicht sind meine ja kreativer?!

Aber nun zur heutigen Stunde. Im Vorfeld habe ich von meiner Lieblingsfotoseite verschiedene Portraitfotos von Frauen und Männern ausgesucht, die sie in verschiedenen Aktivitäten zeigten. Ich bemühte mich dabei, möglichst verschiedene Motive zu wählen. Die Fotos speicherte ich dann ab, ließ sie entwickeln und nahm sie für die Stunde mit. Die Idee für das heutige Schreibspiel hatte ich aus meinem momentanen Lieblingsbuch, der Musenkussmischmaschine:


Beziehungsspiel

Schreibspiel
Dauer: 120 Minuten
Material: Mappe mit Porträtfotografien

Beschreibung des Spiels
Jeder Teilnehmer wählt sich aus vorgelegten Personenfotografien eine aus und versetzt sich für das folgende Schreibspiel in die fotografierte Person. Dann erstellt jeder zur ausgewählten Person eine Beschreibung in der Ich-Form (circa 10 Minuten). Die Beschreibungen werden vorgelesen.
Ein Ort (Vorschläge gemeinsam sammeln) wird ausgelost, an dem sich alle diese Personen treffen sollen. Jeder beschreibt nun, wie und warum er an diesen Ort geht (ca. 20 Minuten). Wieder werden die geschriebenen Texte vorgelesen.
Anschließend wird ausgelost, was dort zwischen den einzelnen Personen geschieht (verlieben, erschießen, hintergehen, verraten, …). Die jeweiligen Personen schildern nun das Geschehene aus ihrer Perspektive.

Kommentar
Spiel mit Perspektivenwechsel: im 1. Schritt wird ein fiktives Ich erfunden, in das auch Anteile der eigenen Personen eingebaut werden können. Die Handlungsanweisungen des 3. Schrittes zwingen dann zu Korrekturen an der vorherigen Personenbeschreibung.



Es lag ganz schön viel Arbeit vor uns. Ich ließ zuerst jeden zwei Fotos aussuchen. Danach ließ ich sie ein kleines Profil erstellen, in der die Person charakterisiert, beschrieben und etwas aus ihrem Leben erzählt wurde. Ich ließ alles vorlesen und schrieb dabei einen kurzen Überblick an die Tafel. Danach teilte ich meine Mädels in Zweiergruppen auf und jedes Team sollte sich eine Konfliktsituation ausdenken, die zu den Charakteren passte. Jeder sollte dann in der "Ich-Perspektive" erzählen, wie er/sie sich nach/während des Konflikts fühlt.

Eines der Höhepunkte war das Treffen zwischen einem Geist und einer Frau. Dabei hat das Mädchen ein Foto ausgewählt, in dem mit einer Langzeitbelichtung gearbeitet wurde. Da das Modell sich bewegt hatte, erschien sie, auf einem Stuhl in einem leeren Raum sitzend, fast durchsichtig. Ausgerechnet diese Idee kam von einem neuen Mitglied, einem Mädchen aus der achten Klasse, die neu zu unserer Gruppe gestoßen ist.



Ich war über diese Idee begeistert und auch über die Emotionen, die alle Mädchen insgesamt in ihre Szenen hineininterpretieren konnten. Da wir eine zweite Runde zeitlich nicht mehr schafften (jeder sollte sich ja zwei Fotos aussuchen!), gab es unter den neu zusammen gewürfelten Gruppen eine erneute, kurze Absprache und jeder machte seinen Teil zu Hause fertig.



Dass sich die Gruppe untereinander noch besser kennenlernt war eins meiner Hauptmotive, weshalb ich gerade dieses Spiel wählte, denn selbst wenn sich die Mädels vom Schreibniveau her nur geringfügig unterscheiden, darf man den Altersunterschied dennoch nicht vernachlässigen. Ich achtete besonders darauf, dass die Gruppen bunt gemischt waren, sodass die 10.-Klässlerinnen auch mit den jüngeren arbeiteten und umgekehrt.



Und zum Schluss die versprochenen Lösungen:

*Der dunkelhäutige Mann nahm in der Straßenbahn gegenüber der älteren Dame Platz. Diese beschimpfte ihn während der ganzen Fahrt lautstark als stinkenden Ausländer. Der Mann blieb völlig ruhig. Kurz bevor ein Kontrolleur zu der älteren Dame kam, entriss der dunkelhäutige Mann ihren Fahrschein, steckte ihn in den Mund, kaute und verschluckte ihn. Da keiner der anderen Mitfahrer ihre absurde Geschichte bestätigten wollte, musste sie 60 Euro wegen Schwarzfahrens bezahlen.

**Vor langer Zeit trieben vier Männer gemeinsam in aussichtsloser Lage auf einem Baumstamm übers Meer. Ihr Schiff war gekentert. Da sie nichts zu essen hatten, vereinbarten sie, dass jeder einen Arm opfern müsse. Bevor der vierte an der Reihe war, wurden sie gerettet. Die drei erinnerten ihn an sein versprechen. Da er in großer Entfernung zu ihnen lebte, dachte er nicht daran, sein Versprechen zu halten, gab eine Anzeige auf und bot demjenigen, der ihm seinen Arm abtreten würde, eine Millionen Euro. Schon bald fand sich ein Freiwilliger.

***Das Mädchen hatte ein großes Schiffsunglück überlebt und war an eine Insel gespült worden. Schwer verletzt wurde sie von den anderen Überlebenden mit Wasser und Fleisch versorgt. Auf ihre Nachfragen, woher das ganze Fleisch komme, sagten ihr die anderen, dass sie zwei große Leguane erlegt hätten. Als die Schiffbrüchigen endlich gefunden wurden, war alle Qual vergessen. Bis zu dem Tag, an dem das Mädchen in besagtes Restaurant ging, um noch einmal (ihren „Lebensretter“) Leguan zu essen. Nach dem ersten Bissen wurde ihr klar, dass es kein Leguanfleisch war, das sie gegessen hatte, sondern das Fleisch der an Land gespülten Leichen.