Dritte Stunde - 04.Oktober 2006
Die dritte Stunde beschäftigten wir uns mit einem Schreibspiel aus der "Musenkussmischmaschine":
Ausschnitt
Schreibspiel
Dauer: 90 Minuten
Beschreibung des Spiels
Jeder Teilnehmer denkt sich eine Geschichte aus, in der etwas Ungewöhnliches gegeben ist (erzählende Person ist blind oder stumm; sie plant ein Verbrechen oder eine Überraschung; ist in ein Tier oder einen Gegenstand verwandelt worden; …). Zu den vorgestellten Rahmengeschichten schreibt er dann einen Textausschnitt von einer Seite, in der das Thema der Geschichte weder benannt noch erklärt werden darf. Der Text soll auf den Leser vielmehr wie eine ausgerissene Buchseite wirken (Zeit: 30 Minuten). Die Texte nacheinander vorlesen und die jeweilige Buchidee erraten lassen.
Kommentar
Alle Teilnehmer lernen bei diesem Ratespiel, dass es nicht nötig und vielleicht auch nicht gut ist, Informationen direkt mitzuteilen, dass es vielmehr eine literarische Qualität sein kann, wichtige Inhalte darzustellen, ohne sie zu benennen. Für Schreibanfänger ist dieses Spiel leichter einzuführen durch einen Ausschnitt aus einer Geschichte, den man erst einmal vorliest und diskutieren lässt. Danach finden sich dann schnell eigene Möglichkeiten.
Ich führte meine Schäfchen sachte an das Thema heran. Im Vorfeld war ich mir gar nicht sicher, ob sie mit dem Thema überhaupt etwas anfangen konnten. Ich selbst hab am Abend zuvor einige Möglichkeiten ausprobiert, aber leicht fiel es mir nicht.
Deshalb beschloss ich, dass wir am Anfang einige besondere, ungewöhnliche Charakterzüge, Fähigkeiten, Ereignisse sammeln und auf der Tafel in Clusterform anbringen würden.
Nach dem schlichten Sammeln erklärte ich meinen Mädels die Überleitung.
"Stellt euch vor, ihr schlagt ein Buch auf und fangt an zu lesen. Ihr wisst nicht, worum es geht,lest eine Seite und schlagt es wieder zu. Genauso sieht das Schreibspiel aus. Ihr fangt
mitten im Geschehen an und beschreibt ein Ereignis, ohne es zu benennen."
Wider aller Erwartung hatten meine Mädels überhaupt keine Probleme mit der Aufgabenstellung und die Zeitvorgabe von 90 Minuten haben sie weit unterschritten ;)
Die Geschichten selbst waren sehr spannend und die anschließende Raterunde manchmal wirklich recht knifflig. Eine Frau, die Tote sehen kann, ein Mädchen, das mit den Gedanken töten kann, eine Schülerin, die bei der kleinsten Unachtsamkeit durch Boden und Wände fällt, ein Dialog zwischen Vampiren ...
Die Stunde hatte einen Höhepunkt nach dem anderen. Ausklingen ließ ich sie mit einem Erzählspiel. Ein Märchen sollte erzählt werden. Jede gab nach belieben an seinen Nachbarn weiter und bestimmte aber vorher, in welchem Stil das Märchen weitererzählt wird.
So kam es, dass mal in der "Bild-Zeitung"-Form erzählt wurde, dann war "Horror" das Genre, "Liebesgeschichte", "Science Fiction", "Sport", "Soap", "Zeitungsartikel", "Naturdokumentation", ...
Es handelte von einer einsamen Königin, die ihre Liebhaber vergiftete und ihre Organe sammelte. Der König, in den sie sich aber letztendlich verliebte, war ein komischer Kerl mit einer Geheimkammer und einem Monster darin. Das Monster entpuppte sich als Gollum, der König als schnaufender "Darth Vader" und als das ganze in der Perspektive einer Grille (Naturdoku) erzählt wurde, lagen meine Mädels spätestens dann auf dem Boden und kugelten sich vor lachen. Ab und an war es ziemlich knifflig, die verschiedenen Genre auch mit der Geschichte zu verbinden - inhaltlich und metaphorisch - aber gemeinsam klappte es schließlich ganz gut.
Ich darf wohl nicht vergessen zu erwähnen, dass wir wieder mal mindestens 15 Minuten überzogen haben ... ;)


