18 Oktober 2006

Dritte Stunde - 04.Oktober 2006

Die dritte Stunde beschäftigten wir uns mit einem Schreibspiel aus der "Musenkussmischmaschine":


Ausschnitt

Schreibspiel
Dauer: 90 Minuten

Beschreibung des Spiels
Jeder Teilnehmer denkt sich eine Geschichte aus, in der etwas Ungewöhnliches gegeben ist (erzählende Person ist blind oder stumm; sie plant ein Verbrechen oder eine Überraschung; ist in ein Tier oder einen Gegenstand verwandelt worden; …). Zu den vorgestellten Rahmengeschichten schreibt er dann einen Textausschnitt von einer Seite, in der das Thema der Geschichte weder benannt noch erklärt werden darf. Der Text soll auf den Leser vielmehr wie eine ausgerissene Buchseite wirken (Zeit: 30 Minuten). Die Texte nacheinander vorlesen und die jeweilige Buchidee erraten lassen.

Kommentar
Alle Teilnehmer lernen bei diesem Ratespiel, dass es nicht nötig und vielleicht auch nicht gut ist, Informationen direkt mitzuteilen, dass es vielmehr eine literarische Qualität sein kann, wichtige Inhalte darzustellen, ohne sie zu benennen. Für Schreibanfänger ist dieses Spiel leichter einzuführen durch einen Ausschnitt aus einer Geschichte, den man erst einmal vorliest und diskutieren lässt. Danach finden sich dann schnell eigene Möglichkeiten.


Ich führte meine Schäfchen sachte an das Thema heran. Im Vorfeld war ich mir gar nicht sicher, ob sie mit dem Thema überhaupt etwas anfangen konnten. Ich selbst hab am Abend zuvor einige Möglichkeiten ausprobiert, aber leicht fiel es mir nicht.

Deshalb beschloss ich, dass wir am Anfang einige besondere, ungewöhnliche Charakterzüge, Fähigkeiten, Ereignisse sammeln und auf der Tafel in Clusterform anbringen würden.

Nach dem schlichten Sammeln erklärte ich meinen Mädels die Überleitung.
"Stellt euch vor, ihr schlagt ein Buch auf und fangt an zu lesen. Ihr wisst nicht, worum es geht,lest eine Seite und schlagt es wieder zu. Genauso sieht das Schreibspiel aus. Ihr fangt 
mitten im Geschehen an und beschreibt ein Ereignis, ohne es zu benennen."

Wider aller Erwartung hatten meine Mädels überhaupt keine Probleme mit der Aufgabenstellung und die Zeitvorgabe von 90 Minuten haben sie weit unterschritten ;)

Die Geschichten selbst waren sehr spannend und die anschließende Raterunde manchmal wirklich recht knifflig. Eine Frau, die Tote sehen kann, ein Mädchen, das mit den Gedanken töten kann, eine Schülerin, die bei der kleinsten Unachtsamkeit durch Boden und Wände fällt, ein Dialog zwischen Vampiren ...

Die Stunde hatte einen Höhepunkt nach dem anderen. Ausklingen ließ ich sie mit einem Erzählspiel. Ein Märchen sollte erzählt werden. Jede gab nach belieben an seinen Nachbarn weiter und bestimmte aber vorher, in welchem Stil das Märchen weitererzählt wird.
So kam es, dass mal in der "Bild-Zeitung"-Form erzählt wurde, dann war "Horror" das Genre, "Liebesgeschichte", "Science Fiction", "Sport", "Soap", "Zeitungsartikel", "Naturdokumentation", ...

Es handelte von einer einsamen Königin, die ihre Liebhaber vergiftete und ihre Organe sammelte. Der König, in den sie sich aber letztendlich verliebte, war ein komischer Kerl mit einer Geheimkammer und einem Monster darin. Das Monster entpuppte sich als Gollum, der König als schnaufender "Darth Vader" und als das ganze in der Perspektive einer Grille (Naturdoku) erzählt wurde, lagen meine Mädels spätestens dann auf dem Boden und kugelten sich vor lachen. Ab und an war es ziemlich knifflig, die verschiedenen Genre auch mit der Geschichte zu verbinden - inhaltlich und metaphorisch - aber gemeinsam klappte es schließlich ganz gut.

Ich darf wohl nicht vergessen zu erwähnen, dass wir wieder mal mindestens 15 Minuten überzogen haben ... ;)
 

17 Oktober 2006

Zweite Stunde - 27. September 2006

Meine Mädels wollten schreiben, also ging es so auch weiter.
Keine Süßigkeiten lagen mehr auf dem Tisch, dafür aber mein Cd-Player.
Ich begrüßte alle mit der Frage, ob jemand Walter Moers kenne. Meine Mädels tippten auf 
einen Schriftsteller. Der Name kam ihnen bekannt vor. Danach versuchte ich es wieder. 
"Kennt jemand von euch Gustave Doré?" Außer meiner Schwester meldete sich niemand, 
was mich aber nicht verwunderte. SIE kannte das Buch nämlich schon, auf das ich hinauswollte. 
"Wilde Reise durch die Nacht" lag als Hörbuch-CD von der Bücherei in meinem Cd-Player und von da an war die Aufgabe klar. Ich spielte ihnen den Anfang vor und sie mussten die Geschichte weiterschreiben. Aber nun einiges zum Buch:



"Walter Moers macht immer alles anders. Und so ist er auch diesmal den umgekehrten Weg gegangen und hat Dorés Kupferstiche zu einem neuen erzählerischen Kabinettstück versammelt. Dabei schickt er den 12-jährigen Gustave in seine eigenen (Alb-)Traumbilder und lässt ihn nach klassischer Märchenmanier (sechs gelöste Aufgaben = Todesaufschub) auf dem Pferd Pancho Sansa im "Reich der Ungeheuer" allerlei Abenteuer mit Fabelwesen, Rittern und Jungfrauen bestehen. Hier hat Gustave gegen treulose Kumpanen und die erste (kurze) Liebe gleichermaßen anzukämpfen. Dazwischen bringen diverse Diener des Todes unseren Helden in immer neue Gefahren: "Wenn er aus den Fluten auftauchte, hatte Gustave die Wahl, gefressen, von Krallen zerfetzt, bei lebendigem Leibe verbrannt oder gekocht zu werden". Er hat also keine Chance -- und die nutzt er gut." (Aus: Amazon Produktbeschreibung)

Der Anfang der Geschichte eignete sich besonders gut. Gustave Doré war Käptn auf der Aventure und er und seine Crew waren mitten in einem schlimmen Sturm, der schlimmer nicht sein konnte. Siamesische Zwillingstornados kamen auf das Schiff zu ...
Das Hörbuch wird von Dirk Bach gelesen und zog meine Mädels gleich sehr in den Bann. Nachdem ich stoppte, zeigte ich das Buch mit der dazu gehörenden Illustration: ein Schiff mitten in einem Sturm, im Hintergrund waren die Zwillingstornados zu sehen.



Und von da an ließ ich sie weiterschreiben. Zuerst dachte ich, dass sie maximal 15 Minuten schreiben werden. Als alle nach 30 Minuten immer noch mucksmäuschenstill waren und fieberhaft weiterschrieben, war ich begeistert. Aber nach 45 Minuten wurde es mir dann doch etwas unheimlich und da die Geschichten noch vorgelesen werden sollten, ließ ich sie langsam zu Ende kommen.

Zuerst traute sich keiner und ich nahm meine Schwester dran. Von Vivi wusste ich, dass sie geübt war und bestimmt keine Hemmungen hatte, jetzt nur ein bisschen schüchtern war.
Und so war es auch. Schnell waren alle begeistert von der lustigen Geschichte der Achtklässlerin, die über das ekelhafte Seeungeheuer Doris schrieb, das mit Leidenschaft Wirbelstürme und Tornados aß.

Als nächstes las die zweite schüchterne Achtklässlerin sogar freiwillig vor. Lisa beschrieb, wie der Sturm abflaute und ein komisches Wesen mit einem lauten Platsch! auf dem Bord landete.

Astrids Geschichte war aus der Sicht des 1. Steuermanns Dante geschrieben, der nach dem Sturm auf einer Insel landete und dort auf Gustave stieß. Sie gestaltete ihren Text herrlich spannend und es war ein geschickter Zug, nicht aus der Perspektive der Hauptperson zu schreiben.

Danach waren alle begierig, Walter Moers Lösung zu erfahren und so spielte ich ihnen das ganze erste Hörbuchkapitel zu (ich fragte, ob ich früher abbrechen sollte, aber die Mädels waren begeistert von einer neuen Figur, die Moers einführte).

Die Schreibwerkstatt endete, wie inzwischen üblich, mit mehr als 15 Minuten Verspätung ;)

Erste Stunde - 20. September 2006

Eine Woche lang habe ich Zettelchen in den Klassen verteilt und so versucht, Werbung in den Ziel-Klassen zu machen. Der Termin war mit der Schulleitung abgesprochen. Der Mittwoch bot sich deshalb an, weil der Unterricht wegen Lehrerkonferenzen für alle um 13:10 Uhr endet.

Ich war ziemlich gespannt auf meine Schreiberlinge und hatte bisweilen gemischte Gefühle. Einerseits hatte ich den Eindruck, dass ich doch einige in den Klassen ansprechen und begeistern konnte. Andererseits gibt es mittwochs natürlich auch viel AG-Konkurrenz.

Ich war schon ziemlich früh da und ging im Lateinsaal auf und ab. Schließlich rieb ich die Tafel sauber. Da der Wasserhahn nicht funktioniert staubte es sehr stark und ich wurde noch nervöser. Als es schließlich klingelte machte ich die Tür auf und wartete.

Als um 13:15 Uhr immer noch niemand ankam, begann ich ziemlich stark zu zweifeln. Eigentlich hatte meine jüngere Schwester hoch und heilig versprochen, dass sie kommen würde. Hatte sie es vergessen? Hatten es die anderen auch vergessen?

Die Erleichterung folgte erst nach einige zermürbenden Minuten, als Lisa den Raum betrat. Ihr folgten schnell noch weitere Mädchen, sodass ich letztendlich eine angenehme Gruppe von neun Mädels vor mir hatte.

Für den Einstieg hatte ich mich für ein Erzählspiel entschieden. Zunächst stellte sich jede vor. Zwei kamen aus der achten Klasse, fünf aus der neunten und zwei aus der zehnten Klasse. Die zwei Achtklässlerinnen waren noch ziemlich schüchtern, die beiden Zehnklässlerinnen begeisterten mich sofort. Nur bei den Neuntklässlerinnnen war ich unzufrieden. Zwei schienen sehr engagiert, während drei nur störten und giggelten.

Das Erzählspiel hatte ich am Tag vorher vorbereitet. Ich nahm einen großen Wollknäuel in die Hand, der ziemlich ausgebeult war. Grund dafür waren die zahlreichen Zettelchen und kleinen Päckchen, die an der Schnur befestigt waren. Auf den Zettel standen Begriffe, aus denen die Schülerinnen eine Geschichte spinnen sollten. In den Päckchen waren verschiedene Sachen, die ebenfalls in die Geschichte miteinfließen sollten.



Es ging reihum und jeder bekam einen Zettel. Es wurde eine sehr spannende und lustige Geschichte und handelte von einem dicken Mädchen, dass nach Ägypten flog, um sich dort von den Schneemassen zu erholen, die es zu Hause immer hatte. Aber in Ägypten wurde sie verfolgt und bekam Ärger mit einem Zauberer. So kam eins zum anderen und sie wurde in einen Käfer verwandelt. Glücklicherweise konnte sie fliehen, aber der Zauberer verbannte sie schließlich in den Weltall. Im Weltall selbst traf sie auf Außerirdische, die sie in ein Auto verwandelte. Als sie in einen Erdbeermeteoritenschauer kam, weil ihre Scheinwerfer nicht mehr gingen, verlor sie komplett die Orientierung. Alles in allem schaffte sie es doch noch, dass der Zauberer Mitleid mit ihr hatte. Er verwandelte sie zurück, ging zum Hotel, hörte dort aber merkwürdige Geräusche. Als der Strom ausfiel und sie hinausging, lauerte irgendetwas im dichten Geäst des Waldes auf sie.

So kam der letzte Zettel zum Mädchen und ein Ende musste gefunden werden. Gemeinsam kamen wir schließlich zu dem Schluss, dass das Mädchen nur alles geträumt hatte und am Tag vor ihrer Abflug nach Ägypten aufwachte.

Im Abschlussgespräch zeigten sich die Mädels begeistert, da ihnen das Spiel sehr viel Spaß gemacht hat. Außerdem fanden sie es spannend die Zettel und die Päckchen zu öffnen. Dennoch waren einige verwirrt, da es ja eine Schreibwerkstatt sei und sie in der ersten Stunde einen Stift ja gar nicht in der Hand gehabt haben.

Dennoch war ich zufrieden. Mein Ziel war es gewesen die Mädchen langsam an das eigentliche Thema "Schreiben" heranzuführen. Außerdem konnte ich so schon sehen, wie weit die Mädchen waren und war begeistert. Viele hatten in ihrer Vorstellung berichtet, dass sie schon privat Kurzgeschichten und Gedichte geschrieben und sogar schon den ein oder anderen Roman in der Schublade haben.

Bis auf die drei giggelnden Neuntklässlerinnen war ich sicher, dass alle wiederkommen würden und behielt auch recht.